ein Buch – dreifacher Nutzen

Das Wetter ist herrlich und der nächste 3-D-Bogenparcours ruft. Ein gutes Buch bietet dann immer einen guten Ersatz, wenn ich zwar Lust, aber leider gerade nicht die Gelegenheit zum Bogenschießen habe. Umso besser, wenn das Buch meiner Wahl dann auch noch dreifach interessant ist.

© Karfunkel Verlag

© Karfunkel Verlag

Mit dem Buch „Pfeil und Bogen zur Merowingerzeit“ bietet Holger Riesch „eine Quellenkunde und Rekonstruktion des frühmittelalterlichen Bogenschießens“, die für mich dreifachen Nutzen beinhaltet:

  • Als traditionelle Bogenschützin interessieren mich vor allem die schusstechnischen Aspekte und Rekonstruktionen,
  • als Geschichts- und Archäologieinteressierte finde ich Wissenswertes über den historischen Hintergrund und die Fundsituationen und
  • als Autorin (von Fantasy-Geschichten, in denen ab und an auch einmal ein traditioneller Bogen benutzt wird) kann ich dieses Buch hervorragend zur Recherche benutzen.
Das Pfeilchen: Immer auf der  Jagd nach guten Büchern.

Das Pfeilchen: Immer auf der Jagd nach guten Büchern.

Das 2002 im Karfunkel-Verlag erschienene Buch ist klar und nachvollziehbar aufgebaut und beginnt im Ersten von insgesamt elf Kapiteln mit der Einordnung in den historischen Kontext (Merowingerzeit ab der Mitte des 5. Jhd. Bis zu Beginn des 8. Jhd.) und den archäologischen Hinterlassenschaften aus dieser Zeit. Natürlich wird auch der Forschungsgegenstand „Pfeil und Bogen“ definiert sowie der Leser mit den wichtigsten Elementen des historischen Bogenschießens, der Terminologie und den Grundzügen der Bogenherstellung vertraut gemacht.

Im zweiten Kapitel geht es gleich zu den merowingerzeitlichen Langbögen (Eibenbögen aus Oberflacht und dem alemannischen Bogen aus Altdorf) mit der Beschreibung von Fundort, dem Zustand der gefundenen Bögen, ihren Konstruktionsmerkmalen und den Schusseigenschaften (der Repliken).

Weiter geht es in Kapitel drei mit Kompositbögen (Reiterbögen der Awaren), ihrer Verbreitung und Funde in alemannischen Bestattungen. Wichtig dabei sind die Erkenntnisse durch Rekonstruktionen hinsichtlich Fertigung, Wirkungsgrad und Benutzung (auch des dazugehörigen Zubehörs wie Bogenbehälter).

Nachdem die verschiedenen Bogentypen besprochen wurden, geht es in Kapitel vier um die anderen notwenigen Zubehörteile wie Bogensehnen, Arm- und Fingerschutz und Bogenspanntechniken.

Kapitel fünf beschäftigt sich ausführlich mit den Pfeilen, wobei die grundlegende Frage lautet: Welchen Anforderungen muss ein Pfeilschaft gerecht werden? Von dieser Frage aus kommen wir zu Pfeilmaterial, Schaftlänge, den Rekonstruktionen, der Befiederung und den verschiedenen Grifftechniken.

Nach den Pfeilschäften dürfen natürlich die Pfeilspitzen nicht fehlen. Kapitel sechs bietet eine Typologie der Pfeilspitzen. Aus welchem Material wurden sie hergestellt, mit welchem Herstellungsverfahren und welche Methoden der Pfeilschäftung gab es. Im experimentellen Versuchen werden die Auswirkungen von Treffern auf Rundschilden oder auf Lamellenpanzer betrachtet. Es bleibt auch nicht unerwähnt, dass es verschiedene Pfeilspitzen für unterschiedliche Verwendungszwecke (z.B. Jagd, Krieg) gab.

Rekonstruktionen und Abbildungen von Köchern bilden Kapitel sieben.

Interessant auch für Autoren historischer Romane könnte Kapitel acht sein. Hier geht es um die Soziologie der Bogenschützen. Wer benutzte Bögen, wer hat Pfeil und Bogen hergestellt und wie sah die Rolle von Pfeil und Bogen im Rechtswesen aus?

Selbstverständlich wird in Kapitel neun auch noch die Verwendung der Bögen näher beleuchtet. Der Bogen als Jagdwaffe wird anhand seiner Effektivität beurteilt (anhand moderner Erfahrungswerte) und der Bogen als Kriegswaffe wird anhand von Taktik, Wirkung und möglichen Abwehrmaßen beschrieben.

Das vorletzte und zehnte Kapitel thematisiert noch den gesellschaftlichen Wandel und die technischen Innovationen der Karolingerzeit und des Hohen Mittelalters.

Kapitel elf schließt mit einem Ausblick auf die noch zu erfolgende Forschung dieses spannenden Themas.

Im letzten Teil des Buches finden sich der Text der Fußnoten, ein Glossar der wichtigsten Namen und Begriffe aus dem Frühen Mittelalter, den Nachweis der textlichen Abbildungen, der Bildtafel und die Auflistung der Test- und Bildquellen sowie der Sekundärliteratur. Anhang I und II geben noch die Maße der rekonstruierten Stahlpfeilspitzen und der gefundenen (Oberflacht-)Bögen an. Orts- und Sachregister fehlen auch nicht.

Mein persönliches Fazit: Klasse! Fundiert, hervorragend beschrieben, mit vielen Abbildungen, Zeichnungen und Fotos. Ein schönes Buch, das meiner Meinung nach sowohl den Bogenschützen als auch den Mittelalterinterssierten ausführlich über das Bogenschießen in der spannenden Epoche zwischen Römischer Antike und Karolingerzeit informiert.

Holger Riesch
Pfeil und Bogen zur Merowingerzeit
Karfunkel Verlag, Wald-Michelbach
Gebundene Ausgabe 2002, 114 Seiten
ISBN 978-3935616096; 24,00 Euro

 

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