Wie war das Wetter am 23.08.1633?*

Das Wetter: Wir reden ständig darüber, ärgern uns, weil es zu kalt, trocken, heiß oder nass ist. Wer schaut nicht nach dem Wetterbericht, wenn er eine Wanderung plant oder eine Gartenparty? Das Wetter ist uns wichtig. Die Wettervorhersage ist mittlerweile recht präzise, aber gilt das auch für die Wetter“nach“sage? Waren die Sommer früher nicht sonniger, die Winter schneereicher? Und wenn wir noch weiter zurückgehen wollen, wie z.B. ein äußerst gewissenhafter Autor von historischen Romanen, was dann?

©WBG
©WBG

Dann könnte Rüdiger Glasers (Professor am Institut für Physische Geographie in Freiburg) „Klimageschichte Mitteleuropas – 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen“ genau das Richtige sein.

Der erste Teil dieser umfangreichen Arbeit widmet sich den Grundlagen der historischen Klimaforschung und den damit verbundenen Fragen nach Ursachen, Trendverläufen oder Häufigkeiten. Der Leser bekommt eine Einordnung der historischen Klimatologie, der aktuellen Forschungsansätze und der Forschungssituation.

Im nächsten Unterpunkt geht Rüdiger Glaser den Spuren historischer Klimahinweise nach. Dabei sind Chroniken und Analen, Wetterjournale, Schiffsjournale und die Anfänge der Instrumentenmessung besonders wichtig. Aber neben diesen schriftlichen Quellen gibt es auch bildhafte Darstellungen, die in Bildern, Drucken, Gemälden oder Schautafeln wertvolle Informationen auf vergangene Witterungsverhältnisse geben können.

Ein weiterer Unterpunkt beschäftigt sich mit Proxydaten. Aus diesen indirekten Hinweisen wie z.B. aus Hochwassermarken, der Weinblüte und -ernte, Heuertragsdaten oder Baumringen lassen sich ebenfalls Rückschlüsse auf frühere Verhältnisse ableiten.

Mithilfe all dieser Quellen erfolgt der nächste Schritt: die Klimarekonstruktion. Rüdiger Glaser erläutert, wie sich daraus nachprüfbare, objektivierbare, quantifizierbare Kenngrößen herausfiltern lassen, wobei die Quellenkritik nicht vernachlässigt wird. Sei es bei den Instrumentenmessdaten oder der klimatischen Interpretation der Proydaten.

Bevor der zweite Teil des Buches startet, wird noch kurz der Aufbau und die Struktur der historischen Klimadatenbank beschrieben, wie die Quellen zeitlich, räumlich, strukturiert und codiert in HISKLID zusammengefasst worden sind.

Im zweiten Hauptteil werden die Daten in chronologische Übersicht wiedergegeben.

Bis zum Jahr 1500 erfolgen diese in der Zusammenfassung der Sommer-, Winter-, Herbst- und Frühlingsverhältnisse, weil für zuvor genannten frühen Abschnitt nicht alle Jahre mit Klimadaten belegt werden können. Trotzdem gibt es eindeutige Trends innerhalb der Jahreszeiten. Ob heiße und trockene Sommer, nasse und milde Winter oder Ereignisse wie Heuschreckenplage, Überschwemmungen oder Starkregenereignisse: Die Übersicht wird jeweils mit passenden, grau unterlegten Texten aus den dazugehörigen Quellen, aufgelockt. Dabei werden besonders häufig Wetteranomalien erwähnt oder die Beziehung zwischen Landwirtschaft, Ernährung und die langfristigen Folgen, die auf das Wetter bzw. auch auf Einzelereignisse zurückgehen, wie z.B. die Auswirkungen der Sturmfluten von 1362 und 1634, bei denen es zu Landverlusten an der Nordseeküste gekommen ist (Seite 89).

Für die Jahre 1500 – 1700 werden dagegen die jährlichen Witterungsverhältnisse vorgestellt. So gab es z.B. für das Jahr 1500 einen kalten Winter, ein feuchtes und kaltes Frühjahr, einen trockenen Sommer, Hochwasser und einen frühen Kälteeinbruch im November. Die einzelnen Jahre lesen sich durchaus spannend, vor allem weil auch immer wieder die Chronisten zu Wort kommen (wie z.B. auf Seite 102):

1521 den 26 February war eine sehr hohe fluth; es lief das Waßer zu Bergedorf über die Gassen, und von Geisthocht über die Marschländer; wodurch denn an Teichen und in hamburg großen Schaden geschahe, darauf folgte eine grosse Pest, welche sich um Jacobi anfing, und bis Nicolai wehrte.“ (StaHH VII Liz LB No 36a Vol.1)

Für den Zeitraum 1500 – 2000 gibt es wieder einen zusammenfassenden Jahreszeitenüberblick, aufgeteilt nach Sommer, Winter, Frühling, Herbst.

Im letzten großen Unterkapitel stehen die Katastrophen im Mittelpunkt. Unwetter, Gewitter, Stürme und Orkane, Sturmfluten, Hochwasser und der Katastrophen-4-Klang Höhenrauch-Sommerhitze-Winterstrenge-Hochwasser werden in ihrer historischen Dimension beleuchtet.
Wie z.B. der hydrologische Gau von 1342 (Seite 200):

Die Gedenktafel war am Hof zum Großen Löwen in der Dominikanergasse in Würzburg angebracht und befindet sich zwischenzeitlich im Mainfränkischen Museum, Würzburg. In der Übersetzung lautet dieser Text:

„Im Jahre des Herrn 1342, am zwölften Tag vor den Kalenden des August, das war am Sonntag vor Jacobi, schwoll der Main so stark an wie nie zuvor, daß er oberhalb der Stufen des Würzburger Doms und darüber hinaus die ersten steinernen Statuen umspülte. Die Brücke mit ihren Türmen, die Mauern und viele steinerne Häuser in Würzburg stürzten zusammen. In diesem Jahr gab es ähnliche Überschwemmungen in ganz Deutschland und anderen Gebieten. Und dieses Haus wurde durch Meister Michael von Würzburg erbaut.“

Auf Seite 201 heißt es weiter:

Kein Einzelereignis in historischer Zeit hat einen derartigen Einfluss auf die Oberflächengestaltung gehabt. Auf vielen agrarisch genutzten Flächen und selbst unter Wald kam es zum Schluchtenreißen, wurden Erosionsrinnen geschaffen, die auch heute noch landschaftsbestimmend sind und in zahlreichen bodenkundlichen und morphologischen Arbeiten als singuläre Bildungen erkannt wurden.

Als Fazit lässt sich zusammenfassen: Das Wetter hat sich schon immer geändert; dies ist gerade das Wesensmerkmal des Klimas (auch ohne menschliches Eingreifen). Ein Fachbuch, das mir persönlich sehr gut gefällt, und das die Dimensionen der Veränderlichkeit und ihrer Auswirkungen zeigt.

Rüdiger Glaser
Klimageschichte Mitteleuropas
1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen
Mittlerweile in der 3. Auflage erschienen (Sonderausgabe 2013)
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
ISBN 978-3-534-26174-1
272 Seiten, mit 53 farbige und 14 s/w Abb., 11 Tabellen und 36 farbige Karten

Hinweis: Die mir vorliegende Ausgabe ist im Jahr 2001 in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt, erschienen. (ISBN 978-3-534-14687-1). Alle genannten Seitenangaben und Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe.

*
Hier noch der Wetterbericht für den 23.08.1633 (Seite 145):

„Den 23. August war ein erschröckliches unerhörtes Donnerwetter.“ […] Und am 27.: „Wegen des starken Regens wurde das Kämpfen beiderseits eingestellt …“ (Gaiser 1621-1655)

Aus diesen Quellenbeschreibungen Gaisers für den Raum Villingen sieht man, wie das Wetter sogar Einfluss auf die Kriegshandlungen genommen hat.

Advertisements