1 Buch, 10 Karten und jede Menge Denkanstöße

Ach herrje, seit meinem letzten Beitrag ist doch recht viel Zeit vergangen. In den vergangen Monaten war ich eher auf meinem anderen Blog unterwegs und habe dort ein paar (hoffentlich interessante) Beiträge über Fantastische Literatur im Speziellen und Allgemeinen geschrieben.

Aber jetzt bin ich doch mal wieder dazu gekommen, ein Sachbuch zu lesen und ich fand es interessant genug, um hier mal wieder einen kleinen Blogbeitrag zu schreiben.
Wie schon im letzten besprochenen Buch, geht es wieder um Karten und Geographie. Doch diesmal handelt das Buch (ziemlich untypisch für mich, da ich mich ja normalerweise mit viel weiter zurückliegender Geschichte beschäftige) um die nicht allzu lange zurückliegende Geschichte bzw. Weltpolitik, die sich anhand von 10 Karten erklären lassen soll. Und zwar in

© dtv

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Die Macht der Geographie Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt“ von Tim Marshall. Die deutsche Erstausgabe ist 2015 in der dtv Verlagsgesellschaft erschienen (der Titel der englischen Originalausgabe lautet Prisoners of Geography).

Wie der Untertitel schon ein bisschen verrät, werden 10 Weltgegenden genauer unter die Lupe genommen und in 10 Kapitel erklärt, wie die dort gegebenen geographischen Merkmale (oder das Missachten derselben) die Geopolitik beeinflussen (oder beeinflusst haben und die Folgen bis heute zu spüren sind).
Klima, Zugang zu Ressourcen, natürliche Barrieren (wie z.B. Gebirgsketten) oder Demographie haben unbestreitbar Auswirkungen auf den Verlauf der menschlichen Geschichte.

Tim Marshall steigt mit Russland in das erste Kapitel ein. Welche Konsequenzen auf die Politik hat z.B. schon die schiere Ausdehnung Russlands (das als größtes Land der Erde allein schon 11 Zeitzonen umfasst)? Warum braucht Putin die Krim? Und welchen Einfluss hat z.B. die nordeuropäische Tiefebene auf das Verhältnis Russlands zur NATO? Im Schnelldurchlauf gibt es mögliche Antworten auf diese und weitere Fragen zu vergangenem und aktuellem Geschehen in und um Russland.

Im zweiten Kapitel geht es weiter nach China. Wie verlief die Geschichte Chinas und welchen Einfluss hatten (und haben immer noch) dabei z.B. natürliche Barrieren zu seinen Nachbarn (bzw. das Fehlen solcher Barrieren)? Welche (geographischen) Gründe gibt es für die Kontrolle von Tibet? Und weshalb beansprucht China das gesamte Südchinesischen Meer (an dem auch Malaysia, Taiwan oder Brunei sowohl China gegenüber als auch untereinander Gebietsansprüche geltend machen)? Das sind nur einige der Fragen zu China, die Marshall aufwirft, bevor es zum nächsten Kapitel und damit zu den

USA weitergeht. Für Tim Marshall haben die USA den Jackpot bei der Verteilung im Geographie-Lotto gewonnen. Gute Verkehrsanbindung, freundliche Nachbarn, tolle Landschaft – als ob eine Spitzenimmobilie in erstklassiger Lage angeboten wird. Der geschickte Erwerb zusätzlicher Gebiete (Florida, Alaska) in der Vergangenheit oder der Goldrausch in Kalifornien halfen u.a. dabei ein kontinentales Imperium aufzubauen. Das Verhältnis zu anderen Staaten, Veränderungen im Energiebedarf oder auch die Höhe von Frachtkosten im Warenverkehr zeigen z.B. in diesem Kapitel anschaulich, wie und warum sich das Engagement der USA in verschiedenen Regionen intensiviert oder verlagert.

Kapitel Nummer 4 widmet sich Westeuropa. Wie beeinflusst die Verteilung von Gebirgen, Flusssystemen oder Ebenen die Herausbildung verschiedener Regionen mit ihren kulturellen Eigenheiten? Welche Probleme können sich daraus ergeben und was bedeutet diese Vielfalt für die Zukunft?

Afrika und seine Probleme werden im fünften Kapitel behandelt. Seine Größe, seine verschiedenen Klimagebiete oder seine Geologie, die Verbindungen der einzelnen Regionen untereinander erschwert, prägen diesen Kontinent bis heute.

Wie Afrika schleppt auch der Nahe Osten, auf den im folgenden Kapitel eingegangen wird, seine koloniale Geschichte hinter sich her, die sich am auffälligsten und für jeden sichtbar in den auf dem Reißbrett gezogenen „künstlichen“ Staatengrenzen zeigen. Tim Marshall zeigt, welche Auswirkungen dieses Ignorieren natur- und kulturräumlicher Gegebenheiten hat.

Probleme, die auch zwischen Indien und Pakistan existieren, von der Geographie des indischen Subkontinents eingefasst werden und sich auch auf Bangladesch, Nepal und Bhutan auswirken.

Korea und Japan sind in Kapitel 8 die Hauptakteure. Die herausragendste Frage, die Tim Marshall hier aufwirft, ist diejenige nach der Vereinigung von Nord- und Südkorea und ob das überhaupt gewünscht wird (und wie es eigentlich zur Trennung gekommen ist). Japans Geschichte verlief hingegen ganz anders, auch bedingt durch seine Insellage und den geologischen Aufbau.

Das vorletzte Kapitel widmet sich sich Lateinamerika. Seine Beschränkungen und geographischen Probleme, die es daran hindert, sein Potential voll zu entwickeln.

Im zehnten und abschließenden Kapitel dreht sich alles um die Arktis und es gibt ein Wiedersehen mit Russland, dass in dieser Region besonders stark vertreten ist. Welche Auswirkungen der Rückgang der Eisbedeckung haben wird, deutet sich aber jetzt schon an.

Ein Nachwort, der Dank des Autors, eine Literaturliste und ein Register bilden den Abschluss des Buches.

Im Großen und Ganzen fand ich (als verwöhnte Geographin) den geographischen Blickwinkel leider etwas zu wenig ausgebaut (da hätte ich mir anhand des Titels „Die Macht der Geographie“ ein bisschen mehr erwartet). Trotzdem ist dieser Parforceritt durch die Geopolitik interessant und lesenswert. Marshalls Stil ist angenehm zu lesen und hat mir eine andere Sichtweise auf die Geschehnisse in der Welt gezeigt.
Ein sehr schönes Detail für mich als Geographin war auf den Seiten 124 und 125 zu finden. Marshall erläutert sehr anschaulich, wie groß Afrika (im Vergleich z.B. zu den USA) tatsächlich ist.
Unsere Vorstellung über die Größe der einzelnen Kontinente ist doch sehr durch die Mercator-Projektion geprägt (die meisten Weltkarten benutzen diese Projektionsart), auf der z.B. Grönland fast so groß wie Afrika dargestellt wird, obwohl es in Wirklichkeit ca. 14 mal größer ist (ca. 2,2 Mio. km² gegen ca. 30,2 Mio. km²). Die Mercatorprojektion bildet eben nicht „flächentreu“ ab, deshalb erscheinen die Region um den Äquator viel zu klein gegenüber den Polregionen. Ein weiterer Grund, weshalb ich sehr für die Anschaffung eines Globus plädiere.

Tim Marshall
Die Macht der Geographie – Wie sich die Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt

dtv Sachbuch,Deutsche Erstausgabe 2015, dtv Verlagsgesellschaft, München
aus dem Englischen von Birgit Brandau
ISBN
(geb. Ausgabe) 978-3-423-28068-6
304 Seiten

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